Die Corona-Krise und das Gemeinschaftsgefühl – Was macht das Virus mit unserer seelischen Gesundheit?

Im Frühjahr 2020 wurden wir durch das Covid-19 Virus in das kalte Wasser neuer sozialer Forderungen geworfen: Maskenpflicht, Rücksicht, Isolation, soziale Kontakte mussten eingeschränkt werden, ja auch Quarantänemaßnahmen wurden plötzlich wichtig.   

Ein abstraktes Gemeinschaftsband, eine Vernunft, eine Wahrheit sollten wirksam werden: Denn schnell war klar: Nur gemeinsam können wir uns vor dem Virus schützen.

Manche leugneten in der Folge gar die Existenz des Virus, manche fragten sich, wieso soll ich mich einschränken. Andere wurden bescheidener, andere entwickelten eine Angsterkrankung. 

Diese unterschiedlichen Reaktionen wollen wir nun psychologisch verstehen.

Hierzu gibt uns Alfred Adler eine Antwort: Wir wenden uns zunächst einem menschlichen Grundbedürfnis, dem nach Gemeinschaft zu.

Dieses Bedürfnis ist, wie das Grundbedürfnis nach Essen und Trinken und wie das Grundbedürfnis nach Liebe und Sexualität, kein abstraktes Bedürfnis. Es will sich durch den Gebrauch konkretisieren.

Für Alfred Adler folgte hieraus, dass sich aus diesem menschlichen Grundbedürfnis nach Gemeinschaft durch den lebensweltlichen Gebrauch allmählich ein individuelles, konkretes Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Dieses Gemeinschaftsgefühl schütze, so entdeckte es Adler, wenn es sich entwickeln konnte, die seelische Gesundheit. Wird dieser Prozess gehemmt, wird eine wichtige seelische Kernkompetenz gehemmt: Das Sozialinteresse sowie die Beziehungsfähigkeit des Menschen.

Die jeweiligen oben skizzierten individuellen Antworten zu den verhängten Corona-Einschränkungen stehen immer in direkter Beziehung zum jeweils entwickelten Gemeinschaftsgefühl.

Bald stellte sich jedoch eine allgemeine Sorge ein:  Was diese Pandemie für die Gesundheit der Heranwachsenden bedeute und speziell wie sich eine Umgangseinschränkung auf diese auswirke. 

Fälle von Ängsten und Depressionen führten schließlich zu der bangen Sorge, ob Kinder und Jugendliche durch den sogenannten Lockdown vermehrt psychische Störungen davontragen werden.   

Tatsächlich erfolgten die als notwendig erachteten Einschränkungen immer aus einer Erwachsenen-perspektive und wurden auch schnell auf alle Bevölkerungsgruppen rigoros übertragen. Pauschal daher auch auf die Kinder und die Jugendlichen. Im Fokus standen hygienische wie epidemiologische Risikominimierungen.

Nun wissen wir: Für Kinder ist die spielerische Einübung des Gemeinschaftsgefühls von ganz erheblicher Bedeutung.

Wie weit die Bezugspersonen sich hier ihrer tragenden Rolle gerade in den wichtigsten Lebensjahren des Kindes bewusst sind und wie weit sie dieser Aufgabe nachkommen, dies wissen wir nicht. Künftige pädagogische Einwirkungen, die den Gebrauch des Gemeinschaftsgefühls unterstützen, werden jedenfalls notwendig sein, um die seelische Gesundheit des Heranwachsenden zu stärken.  

Festhalten können wir hingegen: Es ist davon auszugehen, dass eine temporäre Einschränkung im Umgang mit Gleichaltrigen für Jugendliche nicht ursächlich für ein mangelhaftes und gehemmtes Gemeinschaftsgefühl ist.

In der psychischen Entwicklung sind es immer die Wechselwirkungen mit den wichtigen Beziehungspersonen, die das Gemeinschaftsgefühl fördern. 

Erst die fehlende Kompetenz durch den mangelhaften Gebrauch des Gemeinschaftsgefühls führt zu psychischen Schwierigkeiten, so entdeckte es bereits Alfred Adler.

Und: Der konkrete Gebrauch des Gemeinschaftsgefühls unterstützt den Kernprozess zur seelischen Gesundheit

Roland Lange